Über das Monument/ On Monuments

Im Februar 2017 bekam der junge Künstler Manaf Halbouni, der an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte, die Gelegenheit eine große temporäre Skulptur auf dem Vorplatz der Frauenkirche, dem Neumarkt, zu installieren.

Seit Bewegungen wie Pegida in Dresden die Gesellschaft polarisieren und zeitweise jede kulturelle Debatte lahm legten, arbeitet auch Halbouni daran persönliche Fremdheitserfahrungen im Kontext eines sich wandelnden gesellschaftlichen Klimas zu bearbeiten. Er sucht geeignete Werkzeuge, Mitteln und Übersetzungen für seine Fragen und Beobachtungen. Das ist nicht unüblich in der Kunst. Kurz vor dem, für Dresden immer noch mehrfach problematischen und immer wieder instrumentalisierten, Jahrestag der Bombardierung (13.Februar), bekam er nun durch die Unterstützung einiger Institutionen und Stiftungen die exponierte Gelegenheit eine seiner Skizzen dreidimensional als ein Symbol für den Frieden im öffentlichen Raum zu installieren.  Grundlage der Arbeit war ein viral gegangenes journalistisches Bildes aus Aleppo, das drei hochkant stehende ausgebrannte Busse zeigt die zum Schutz vor Gefechten aufgestellt waren. Für Dresden wählte Halbouni die bildhauerische Wiederaufführung dieses ikonischen Bildes und installierte die Figur vor der Frauenkirche in neuem Material und leichter Übersetzung. Bereits während der Installation der Fahrzeuge gab es lautstarke und teilweise unfassbar verbal entgleiste Proteste der Gewohnheitsdemonstranten um Pegida&Co. Während der feierlichen Eröffnung wurden Gäste und InitiatorInnen ebenso wie Künstler lauthals und sogar handgreiflich angegriffen. In einem Tauziehen der Befürworter und Gegner wurde die Debatte immer grotesker und es ergab sich eine Frontlinie, die einige Dinge sehr unproduktiv vermischte. Das Werk Halbounis wurde politisch überladen und zum Symbol des Friedens stilisiert, sowie zugleich zum gültigsten Repräsentanten der zeitgenössischen Kunst verdammt. In einigen offenen Bürgerforen, zu denen sich die Stadt hinreisen ließ, schien es für die VeranstalterInnen nahe zu liegen dieses tatsächlich so genannte „MONUMENT“ unter der Fragestellung „Ist das Kunst?“ als Großprojekt zu diskutieren und als relevante künstlerische Arbeit zu legitimieren. Eine Frage die durchaus eine oder zwei sattelfeste KritikerInnen aus der Kunst hätte vertragen können, aber grundsätzlich schnell und klar beantwortet gewesen wäre: ja, es ist Kunst, weil es ein Künstler im System Kunst realisiert hat. Wäre man nicht versucht gewesen die Qualität des Kunstwerkes und die Höhe der Ausgaben gleich mit zu legitimieren, hätte das auch als Klarstellung genügt und wäre ohne Lobpreisungen der künstlerischen Qualität ausgekommen. Aber das sind Details, für die in Dresden keiner die Nerven hat.

Zusammengefasst beobachtet: In Dresden wo es beinahe nie relevante zeitgenössische Kunst zu sehen gibt und Vermittlung von aktueller Kunst niemals professionell betrieben wird, klagen also diejenigen Museen, Titelträger und Bildungsbürger, die dafür mit ihrer täglichen Arbeit und politischen Vermögen professionell einstehen müssten, über das fehlende Verständnis der Bürger und Bürgerinnen für zeitgenössische Kunst. Das ist mindestens ironisch, wenn nicht absurd. Wenn ein Zugang zu zeitgenössischer Kunst in einer Großstadt wie Dresden immer nur Privatsache ist, dann ist zeitgenössische Kunst ein Privileg weniger, die es sich leisten können oder denen es mitgegeben wurde. Nach dem Anteil der vor 1990 im Osten Deutschlands geborenen unter den Mitarbeitern der Institutionen muss man denke ich ebenso wenig fragen wie in der Politik. Das sollte man beachten, bevor man sich all zu laut wundert. 

Im diesem Zuge der Verzerrungen des Ortes und der Vermittlung des Werkes, wurde es dann aber – wie so oft, wenn irgendwo überhaupt mal was passiert– unmöglich die ARBEIT oder die QUALITÄT DER ARBEIT zu diskutieren. Es stand Kunst gegen Dummheit oder Fremdenhass und Legitimationen wurd kreuz und quer durch die Kunstgeschichte gejagt. Damit war die Arbeit und der Einsatz aller Mittel voll-automatisch legitimiert. Kraft des Privilegs der Bildung und des Amtes, fand man über eine bequeme Verwechslung (Kunst = gute Kunst) einen Weg sich nicht mehr damit auseinandersetzen zu müssen ob die Mittel angemessen waren, ob es sich tatsächlich um zeitgenössische Kunst handelt und ob dem eine gute kuratorische und künstlerische Arbeit zugrundeliegen, oder welche anderen Debatten möglich gewesen wären. An einer flotten Idee, realisiert mit großem Knall, konnte ganz bequem verkürzte Kunstvermittlung und Politik für Dumme gleichzeitig gemacht werden. 

Die folgenden Zeilen ergaben sich aus dem Nachdenken in Echtzeit während die Busse im Zentrum der Aufmerksamkeit um den 13.Februar standen. Reden, Pressemitteilungen, Anschlagtexte und Künstlerstatements sind verlinkt wo es nötig war. Um die Debatte wirklich beurteilen zu können, sollten diese auch zu Rate gezogen werden. Dem Monument folgten auch von Seiten des Künstlers noch eine Reihe von fragwürdigen Äußerungen und künstlerischen Schnellschüssen. 

10. Februar 2017

Es stehen drei Busse auf dem Neumarkt der Stadt [Dresden]. Sie stehen auf ihrer kleinsten Fläche, ragen mit ihrer ganzen Länge in den Himmel und dabei versperren sie die Sicht auf die Frauenkirche. Und so ganz ohne Aufladung des Ortes und der jüngeren Wiederauferstehungsgeschichte des Dresdner Stadtzentrums, sind sie eine gute Masse und haben auf jedem Abbildung eine starke Präsenz im Disneyland Feeling dieses so unwirklichen Platzes. Die Vertikale bringt etwas Gegenwart und Dynamik in die sonst so befriedete Situation. Wenn man etwas Spass an der Abweichung hat, ist es geradezu schön und beruhigend, einen so gut platzierten Eingriff in einem solch‘ hyperrealen Postkartenmotiv zu sehen. Unter dieser starken Ansage an das „Establishment“, das Traditionelle, das Abgesicherte und Bewahrende, ja Gegenwartsferne dieser Stadt, vereint es sich nun gut zum Widerstand. Wie für viele, sind diese Busse auch für mich eine willkommene Störung der sonst so unantastbaren Oberfläche dieser Stadt. Es freut mich, dass es sie gibt, diese drei Busse. Gut, einen Teil ihrer Kraft ziehen sie aus dem starken Bild der prachtvollen wiederaufgebauten Frauenkirche hinter sich. In dieser Stadt aber, dürfen wir nicht all zu wählerisch sein wenn es die zeitgenössische Kunst betrifft. Wir sind nicht in der Position uns etwas zu wünschen; als Dresdner*innen müssen wir nehmen was uns serviert wird. Und hier kommt das Problem: Würde man versuchen diese Diskussion um die Busse einigermaßen fachlich innerhalb der Kunst führen zu wollen – und aus dieser Perspektive spreche ich nunmal – wäre man wahrscheinlich schnell bei recht einfachen Analysen: Bildhauerisch ist es recht eindrucksvoll. Es ist aber auch ziemlich plump und setzt auf einfache ungebrochene Mechanismen. Wer hat diesen Effekt nicht schon mit einem Matchbox-Bus in der heimischen Stube inszeniert. Es tut gut, die Kraft der Masse mal so direkt zu spüren und ein Objekt schräg in mitten der andere Massen so ganz „bam“ zu platzieren. Ja, diese Busse verschieben die Perspektive und es ist beachtlich, dass so etwas in Dresden überhaupt möglich ist. Ohne Frage ist allein die Realisierung dieser Möglichkeit und, dass es diese Unwucht hier jetzt tatsächlich physisch gibt, ein wahres Monument in dieser Stadt. Problematisch daran ist nun aber nicht, dass sie groß sind, diese Busse, etwas monumental wirken oder provozieren, die Idylle stören und irgendwie im Wege sind. Das Problem kommt da, wo sie eher nur groß sind und hauptsächlich provozieren, weil sie eine Rarität sind in dieser sonst so unterbrechungsarmen Stadt, und weil sie installiert sind an einem Datum und in einer Debatte, die eigentlich sensibler geführt werden sollte. Um Missverständnisse zu vermeiden: das gestörte Gedenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs ist hier nicht mein Anliegen. Auch die visuelle Bauklotz-Störung, die den einen oder die andere bereits zum Brüllen verleitet interessiert mich nicht. Dieses Altstadtmotiv, was sich immer so gut auf den Stollenschachteln macht, lädt Störungen geradezu ein und ja, das darf man nutzen, man muss der Versuchung nicht immer widerstehen. Man kann auch mal etwas machen, einfach so. Es geht mir aber darum, dass ich der Kunst auf Dauer wirklich etwas mehr zutraue als sich über bloße Störungen und Affekte zu verhandeln. Von Kunst würde ich gern mit etwas differenzierteren Äußerungen und mehr Überlegung zum Dialog eingeladen werden und wenns geht nicht nur auf den lokalen Widerstandsfilm gepolt werden. Ein visuelles „bam“, ein bildungsbürgerliches „ahhh“ und ein evoziertes „bäh“ vom Gegenlager ist mir da nicht Einladung genug ins Nachdenken zu kommen. Der 13. Februar ist Teil dieser Stadt. Daran können wir wenig ändern, das gefällt mir nicht und dennoch scheint seit Jahren kein Weg daran vorbeizuführen und nun auch wieder kein Ende in Sicht. Von allerlei Kräften benutzt, bespielt und im fragwürdigen Gedenken immer weiter aufgeladen, klafft diese Stelle einmal jährlich in der Mitte dieser Stadt. Pazifismus ist eine der Lieblingsspielarten im Prozess des Gedenken an diesen Tag. So ist das auch das „Monument“ eine Art Deja-Vu, schon immer dagewesener Strategien. Bereits seit den 1980er Jahren versuchen manche Dresdner*innen den Zweiten Weltkrieg vergessen, vergeben und neuerlich auch wieder angemahnt zu machen und an die aktuellen Kriege in der Welt zu erinnern und den Frieden zu fordern. Über die Jahre reiht sich die Stadt Dresden mit Coventry, Nagasaki, Bagdad und heute Aleppo ein. Wirklich? Die Spezifika der Kriege gehen dabei ganz locker verloren, werden nivelliert und zunehmend unsichtbar und die Anforderungen des Friedens dabei gleich ganz vergessen. Vergessen wird darüber aber z.B. auch, dass es noch aus dem Zweiten Weltkrieg Restitutionsaussenstände, nicht anerkanntes Leid und eine Nichtaufarbeitung der Schuld gibt. Da könnte man beginnen den Frieden zu installieren, das könnte man nachlesen (http://www.verbrecherverlag.de/buch/698) und das müsste man thematisieren oder wenigstens einbeziehen. Diesen Aufwand könnte man im Vorfeld einer so aufwendigen Aktion schon erwarten, denke ich. Und dort könnte man ein Zeichen für den Frieden stiften – pragmatisch, wirksam und diskursiv – gern auch mit Bussen als visuelle Vergegenwärtigung. In Dresden konnte man die Aufmärsche der Rechten zum Termin jährlich wachsen sehen, und die Bevölkerung musste lernen mit der Verschränkung des Gedenkens und neu-rechter Tendenzen umzugehen, das Gedenken zu überdenken sich zu organisieren gegen die Umdeutungen. Dass die Bombardierung Dresdens seine Wurzeln in einem aktiven Nationalsozialismus und einem erklärten Krieg hatte und eben auch eine Ende des Leids für andere bedeutete [Link], scheint aber weiterhin schwer im Blick zu behalten zu sein. Nicht ohne erhebliche Hilfe von außen, haben die Bewohner*innen in den letzten Jahren gelernt zu argumentieren und sich gegen die rechten Aufmärsche auch mit den Füßen zu wehren, ja Widerstand zu leisten und gar trotz widersinniger Maßnahmen der Staatsgewalt volle Breitseite zu zeigen. Vielen Akteur*innen und besonders den aktiven Linken und ihren vielfältigen Aktionen in Zusammenarbeit mit Bündnisssen aus der breiten Bevölkerung ist es gelungen die Tradition dieses Datums kleinschrittig zu brechen und zu beruhigen. Das Prinzip Schlag um Schlag war hier notwendig und wichtig um diese Unterbrechung herbeizuführen und etwas Ruhe in die Überlastung und Aufladung des Datums zu bringen. Bei diesen Bussen nun aber ist man wohl dem Rausch der Schlacht erlegen? Warum in das produktive Vergessen, nicht Vergeben, nun wieder symbolisch einschlagen? Warum wieder ins unproduktive Zerren sich begeben? Eine bedachte Debatte und einen sinnvollen Diskurs regt man doch nicht mit der Brechstange an. Auf „bam“ folgt „bähh“ und dann wieder „bam“. Das lehren uns nicht nur die Klassiker. Das ist ja der Krieg, oder nicht? Aber, das kurz beiseite, denn die Busse reihen sich noch in eine andere Tradition. Auch in Städten wie Kassel oder Hamburg, Tokio wie Vancouver, wo es eine wesentlich größere Präsenz zeitgenössischer künstlerischer Arbeiten im öffentlichen Raum und in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte gibt, finden erhitze Debatten um zeitgenössische Kunst statt. Ja, diese Busse würden – selbst ohne eine vergleichbare Problematik – nur als Stellvertreterinnen der bildungsbürgerlichen Kunst gegen Steuerverschwendung und guten Geschmack in Stellung gebracht werden. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele wirklich guter Arbeiten die den selben Effekt in Metropolen der zeitgenössischen Kunst hatten. Da gab es dann weniger „bäääh“ dafür aber mehr „Schande“-Rufe. Das sind die regionalen Unterschiede. In Dresden nun, wo zeitgenössische Architektur und Kunst selbst im Stadtrat teils auf Unverständnis stoßen und der Februar so unausweichlich vermintes Feld ist, soll dieser sensible fein differenzierte Diskurs aber über eine sogenannte „leise“ Störung von soundsovielen Tonnen in der Vertikalen an einem erhitzen Datum angeregt werden? Ja, mit einem Eisen im Gesicht sollen die bisher von zeitgenössischer Kunst verschonten Alltagsbewältiger dieser Traditionsstadt nun zum aufgeschlossenen Diskurs eingeladen werden und über die Dimensionen des Erinnerns ins Gespräch kommen. Vom Duktus dieser Anregung, der Positionierung dieses Gesprächsangebot und dessen Vorbereitung und Vermittlung sieht es aber eher nach dem nächsten derben Schlag im Wettrüsten der sogenannten Guten gegen die Bösen (und umgekehrt) aus. Kann es sein, dass diese Busse insgeheim (oder auch unbewusst) eher als ein Denkzettel der Kultur an Pegida&Co gedacht sind? Und sind sie nicht auch ein Ausdruck des „jetzt erst recht–motherfuckers„“, „unsere Kirche – unser Platz“? „Unsere Seite – unsere Macht“ zu werten? Ich stelle diese Fragen bewusst provokant, weil ich es wichtig finde sich gerade jetzt, wenn alle Gemüter erhitzt und beansprucht sind,  einmal aus der Ebene hinauszubegeben und noch einmal zu überlegen, wie wir diese Stadt betreiben wollen. Schlammschlacht für Schlammschlacht für einen guten Zweck und zu unserer Beruhigung oder doch mit etwas mehr Horizont und effektiven Strategien? Diese Busse, die schöne neue Unwucht im Herzen der Stadt, werden geradezu als ein „Heilsversprechen“ der Kunst an die verunsicherte Gesellschaft verkauft und als Wegweiser und Versicherung in Zeiten der Unklarheit und Komplexität aus den Lobreden der Eröffnung gereicht. Da wo an keiner anderen Stelle in dieser Stadt ein Dialog mehr erfolgreich scheint, muss die Kunst nun ran. Auf biegen und brechen wird nun halbpoetisch, halbhistorisch und plump mit der Kunst gefeuert und mit Herkunft argumentiert. Ja, die Kunst muss jetzt den Undialog, den fehlenden Diskurs befreien und anregen und mit aller Kraft der Masse für alles-alles Richtung geben, dort wo von einer jahrelangen Bewahrungspolitik nie irgendein Zeichen zu erwarten war, macht die Kunst jetzt Basis-Politik? Ich lebe nicht ständig an diesem Ort und ich kenne nicht alle Zusammenhänge und Überlegungen die zu einem solchen Projekt führen können. Nicht alle Schauplätze der Schlachten der letzten regionalen Jahre sind mir vertraut. Und sehr oft schon habe ich mich hier der Debatte entzogen, die rechten Aufmärsche, die Menschenkette und die verzweifelten guten Stimmen verlacht und wenig zu den intensiven Auseinandersetzungen beigetragen, mich in den kleinen politischen Gruppen und Jugendzentren subkulturell vergraben und letztlich aufgeregt, über die Kurzsichtigen und Realitiätverweigerer, Akteuere der Kunst, Pegida und auch über sehr sehr viele Menschen in der Politik und vor allem in der Kulturpolitik habe ich mich laut gewundert. Und nun, obwohl ich für einen besonnen Diskurs gern zu haben bin, regt mich nun auch diese „Lösung des Problems“ aus der Kunst wieder ziemlich auf. (Lautet das Rezept hier nicht ganz basal: Kulturhauptstadtbewerbung – zeitgenössische Kunst? – Kunst im öffentlichen Raum? – irgendwas mit Diskurs und viel Geld – am besten mit großer überregionaler Thematik – Zeichen gegen Pegida > richtig dick aufblasen?)

Angesichts der Wüstenverhältnisse, die hier in puncto zeitgenössische Kunst herrschen und der strukturellen Unwilligkeit mit der hier über zeitgenössische Tendenzen der Kunst debattiert wird, wundere ich mich jetzt aber vor allem über so viel Einsatz im Sinne der Sache „Kunst“. Es ist als ob eine Kiste geöffnet wurde von der niemand wusste, dass es sie gab. In den vielen Jahren, die ich hier in Dresden nun die Debatten um aktuelle Kunst verfolge, sehe was dann wirklich gefördert und im öffentlichen Raum installiert wird und breite Unterstützung erfährt, habe ich so viel Affirmation für künstlerische Intervention noch nie erlebt. Ganz eigennützig, freue ich mich nun  sogar über diesen Durchbruch und für die Kunst, die es in dieser Stadt in Zukunft vielleicht doch noch geben könnte. Insgeheim male ich mir sogar aus, wie es sein könnte wenn weitere so große Unwuchten an anderen Stellen dieser Stadt mit ähnlichem Aufwand installiert würden und wenn sich soetwas wie ein Kultur des Sprechens über diesen Anlass entwickeln würde. Ich wäre für jedes der in diesem Schatten kommenden Aktionsbündnisse zu haben das sich dafür in Stellung bringt, so durstig nach Kunst bin ich trotz allem Einsatzes geblieben in dieser Kulturstadt.

Bisher aber, scheint  jede Debatte hier mit schöner Regelmäßigkeit ganz anders zu verlaufen, als man es sich erhofft. So auch bei diesen Bussen: während ich gern diskutiert hätte darüber, warum es keine gute Arbeit ist und warum es nicht zielführend ist, sie so politisch zu überladen und gegen die Einfalt für das Gute in Stellung zu bringen, geht es jetzt – da das Kind im Brunnen liegt – leider auch für mich nur noch darum, die Kunst generell gegen die Schande-Rufe der aufgebrachten Traditionalisten und Pegidisten zu verteidigen. Alles, nur noch um den Schaden zu begrenzen der schon wieder an der zeitgenössischen Kunst und den Überlebenden dieser Kulturpolitik droht. Da wird wohl ein Stellvertreterkrieg geführt, in dem ich mich natürlich einzuordnen weiss (Im zweifel immer für die Kunst!), aber diese Position dann mangels Überzeugung eben auch nur schwer verteidigen kann. Denn eigentlich habe ich kein Interesse daran mit „aktueller“ Kunst gegen Pegida in den Krieg zu ziehen, und ich will auch nicht mit meiner „Welt“ gegen die sogenannten Dresdener*innen operieren müssen. Diese Wahl aber scheint mir abgenommen worden zu sein. Ich wäre aber gern nicht dazu gezwungen worden mich hier für so eine Sache mit diesen bedenklichen Affekte in Position bringen zu müssen. Wenn schon, dann hätte ich mich doch gern für eine Projekt eingesetzt, das ich auch fachlich verteidigen mag und politisch sinnvoll finden kann – eines das ich auch nach allen Regeln der Kunst, Gesellschaft und Politik durchdacht finde und für das ich auch argumentieren kann. Moralisch sehe ich mich jetzt aber leider, wegen dieses initiierten Skandals, gezwungen ein Projekt mit fragwürdigem Hintergrund vor Menschen zu verteidigen, denen jeder Dialog zu wieder ist und die man so ganz sicher nicht erreicht. Das ist nicht was ich an der zeitgenössischen Kunst oder ihrer Vermittlung suche und es ist auch nicht das, was Kunst im Jahr 2017 in Dresden – oder anderswo – leisten könnte. Nein, ich finde nicht, dass wir uns für diesen Tumult um die Busse und die Anregung zum Diskurs bedanken sollten. Tut mir leid, liebe Kunstfreund*innen dieser Stadt, aber mit großen (wenn auch temporären) Monumenten war noch niemandem geholfen. Alles was ein so verunglückte Ermahnung zum Dialog, neben hässlichen Reaktionen, bringen kann, ist das gute Gefühl etwas getan zu haben und sich auf der guten Seite zu fühlen, weil das Böse sich wiedermal auf der anderen Seite provozieren lassen hat. Aber, reicht uns das? ich denke wir müssen schlauer und pragmatischer werden, weniger in Symbolen und mehr in echter „Credibility“ denken. Während keine/r mehr zu wissen scheint, was gegen Krieg und für den Frieden zu tun sei, ist so eine eindrückliche Ermahnungen mit schweren Worten ein willkommener Ausweg. Sie befreit uns von dem komplexen und unbequemen, ja den eigentlichen Anforderungen der Situation die auch mit uns selbst zu tun hat. Im Ringen zwischen Krieg und Frieden, geht es aber nicht um einfach Erzählungen von Großmächten und Waffenexporten und den Anderen, da geht es um uns und darum wie viel wir verstehen können und wofür unsere Kapazitäten reichen. Plattitüden der Kunst und Politik die uns, unsere Hände und unsere Stimmen in Einklang bringen wollen um für den Frieden und gegen den Krieg per Fuß- und Kerzenpolitik einzustehen, können nur zu kurz greifen in derart komplexen globalen Verhältnissen, so meine These, richten sie dann eher neuen Schaden an. Was produktiv an den Stellen unserer täglichen Entscheidungen zu tun ist und was man auch gemeinsam tun könnte, sollte der fragende Anlass einer ernsthaften Debatte sein, die es nun anzustoßen gilt. Wie kommt der Frieden wirklich in die Welt? Wie und mit welchen Werkzeugen lässt sich Krieg denn vermeiden und beenden? Wie können wir unsere Hippie-, Punk- und Corporate-Souls denn davon überzeugen uns sinnvoll zu informieren und produktive im Alltag zu organisieren? Da die Antworten auf diese Fragen unseren Willen zur Auseinandersetzung und die Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu denken in der Regel überschreiten (das zeigen eigentlich alle Reden und auch die Statemnents zu diesen Bussen aus Dresden und von außerhalb), lassen sie uns, liebe Kunstfreund*innen, doch zu allererst einmal überlegen, wie wir gemeinsam die zeitgenössische Kunst als verbündete Kraft für eine Gestaltung der Zukunft gewinnen können? Diese vielzitierte Kunst hat nämlich bereits auch ohne unser Dresden alle Hände voll zu tun und sie muss unterstützt und genährt werden, damit sie gerade hier an diesem unwirtlichen Ort, überhaupt Lust und Kraft hat sich mit uns dem Notwendigen zu widmen. Diese Einladung zum Nachdenken platziere ich hiermit. Gründe gäbe es ja viele, sich zusammen zu tun. An Anlässen mangelt es auch nicht, die Frage ist aber, ob und wie wir wirklich gemeinsam an irgendetwas arbeiten wollen in dieser Stadt und wie Ernst das Gebaren um den Frieden ist, das wir hier mit drei Bussen aufgefahren haben.

 

Hinweis: Die ganze Story scheint man jetzt schon hier zu lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Installation_„Monument“_(Dresden) Der Fokus wieder -wie gewohnt- leicht verschoben. Zusammengefasst gesagt: Eigentlich ist es keine aufregende Arbeit und es ist auch keine große Kunst, aber im Klima diese Stadt scheint jede Abweichung von den einen mit Dynamit beantwortet zu werden und von den anderen als Schutzschild gebraucht werden zu müssen. Das ist bedenklich genug. Deshalb sei die ernste Frage gestellt: Welche Diskussion kann mit der Brechstange angeführt werden und welche Bildung – von dessen Abwesenheit hier so viel skandaliert wird – kann denn mit dem Eisen im Gesicht angestoßen werden? Über Kunst, da bin ich mir sicher, braucht man so überhaupt nicht zu sprechen. Ich fürchte aber über Politik und eine gemeinsame Zukunft braucht man es so auch nicht zu versuchen. – Was mich trotz allem freut, ist dieses plötzliche Interesse an zeitgenössischer Kunst und die Kraft einer Verteidigung in dieser Stadt, die ich bisher selten für ein Werk der Kunst spüren durfte. Ich hoffe wirklich – ganz eigennützig als temporäre Betrachterin – diese Energie lässt sich über den Skandal hinwegretten und auch mal für die ein oder andere sensible Arbeit nutzen, die uns weniger anbrüllt und eine differenzierter Einladung zum Gespräch ist und nicht nur als Blumen und Thesenanschlag dient. Noch mehr würde es mich freuen, wenn die Aufmerksamkeit in intelligente Gespräche und besonnenes Handeln abseits reiner Symbolakte münden könnte. Dann würde z.B. vielleicht doch noch ein Dialog zur Gegenwart möglich in dieser liebenswerten Idylle abseits der Welt mit gierendem Blick auf den Titel der „Kulturhauptstadt“. Kultur liebe Freunde*innen der Kunst, ist allerdings noch etwas mehr als die Fronten Schlag um Schlag in Stellung zu bringen. Da geht es um etwas, da will man was und man überlegt wie es gehen könnte. Da macht man nicht einfach „bumms“.

(leicht abgewandelte Form des Original-Post bei facebook am 10. Februar 2017; https://www.facebook.com/konsch00/posts/10203091892655956)